Viele Menschen merken erst, wie erschöpft sie eigentlich sind, wenn gar nichts mehr geht.
Wenn der Körper streikt.
Wenn die Krankschreibung kommt.
Wenn selbst die einfachsten Dinge plötzlich zu viel werden.
Ich glaube, das hat einen einfachen Grund:
Wir lernen oft schon sehr früh, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen.
Nicht bewusst. Nicht, weil uns jemand ausdrücklich sagt: „Ignoriere dich selbst.“
Sondern durch viele kleine Botschaften, die sich über Jahre wiederholen:
Sei pünktlich.
Streng dich an.
Halte durch.
Gib nicht auf.
Reiß dich zusammen.
Natürlich brauchen Kinder Struktur und Verlässlichkeit. Aber viele von uns lernen dabei auch etwas anderes:
Müdigkeit ignorieren.
Eigene Bedürfnisse aufschieben.
Weitermachen, obwohl die innere Energie längst nachlässt.
Und irgendwann wird genau das zu etwas, das gesellschaftlich bewundert wird.
Wenn Erschöpfung normal wird
In meinen ersten Arbeitsjahren wurde Belastbarkeit fast wie eine Auszeichnung behandelt.
Unter KollegInnen verglichen wir oft automatisch: Wer hatte am meisten zu tun? Wer arbeitete am längsten? Wer beantwortete nachts noch E-Mails? Wer funktionierte trotz Erschöpfung weiter?
Überstunden wurden selten hinterfragt. Oft wurden sie sogar als Zeichen von Engagement interpretiert. 140 Überstunden in drei Monaten? „Wow. Sie zeigt, dass sie das Zeug zur Teamleiterin hat.“
Ich arbeitete viele Jahre im internationalen Nachhaltigkeitskontext – in Bereichen, die gesellschaftlich als besonders sinnvoll gelten: Klima, Naturschutz, internationale Zusammenarbeit.
Arbeit mit Sinn.
Doch genau darin lag auch ein besonderer Druck. Denn wenn die Arbeit wichtig ist, erscheinen die eigenen Bedürfnisse plötzlich nebensächlich. Es ging um Verantwortung:
Für Projekte.
Für Teams.
Für Deadlines.
Für andere Menschen.
Und irgendwann verfestigt sich innerlich die Überzeugung: Etwas anderes ist immer wichtiger als man selbst.
Ich erinnere mich noch gut an Gedanken wie: „Wenn ich diesen Projektantrag nicht rechtzeitig fertig bekomme, fehlt dem Projekt im Kongo die Folgefinanzierung.“
Natürlich wusste ich rational, dass ein System nie komplett von einer einzelnen Person abhängen sollte. Aber emotional fühlte es sich trotzdem genau so an.
Hinzu kam ein Umfeld, in dem Selbstaufgabe oft ganz selbstverständlich vorgelebt wurde. E-Mails mitten in der Nacht. Wochenendarbeit. Dienstreisen, bei denen erwartet wurde, dass ein zwölfstündiger Overnight-Flug vollständig zum Arbeiten genutzt wird, damit man direkt nach der Landung vorbereitet im Meeting sitzt. Jetlag und Erschöpfung galten nicht als Warnsignal – sondern fast als Zeichen von Engagement.
Eine Kollegin erzählte mir einmal stolz, dass sie in sechs Jahren keinen einzigen Krankheitstag genommen hatte.
Heute sehe ich darin keine Stärke mehr. Sondern ein System, in dem Überlastung so normal geworden ist, dass wir sie fast erwarten. Und ich glaube, das betrifft längst nicht nur einzelne Branchen.
Ob Pflege, medizinische Berufe, soziale Arbeit, Führungspositionen, Care-Arbeit oder Elternschaft, viele Menschen leben dauerhaft zwischen Verantwortung, To-do-Listen und innerem Druck.
Besonders Frauen.
Frauen, die für andere da sind.
Die Verantwortung übernehmen.
Die funktionieren.
Und die oft erst sehr spät merken, wie viel sie eigentlich tragen.
Zwischen gesund und Zusammenbruch liegt ein großer Raum
Das Problem ist: Wenn Überforderung lange genug normalisiert wird, erkennen wir sie irgendwann selbst nicht mehr richtig.
Erschöpfung fühlt sich dann nicht mehr wie ein Warnsignal an. Sondern einfach wie Alltag. Viele Menschen spüren zwar: „Irgendetwas stimmt nicht.“ Aber gleichzeitig denken sie: „So schlimm kann es nicht sein. Ich funktioniere doch noch.“
Genau darin liegt oft die Schwierigkeit. Denn zwischen „mir geht es gut“ und einem Zusammenbruch liegt ein großer Raum. Ein Raum voller:
- chronischer Anspannung
- emotionaler Erschöpfung
- innerem Druck
- Orientierungslosigkeit
- und dem Gefühl, sich selbst langsam zu verlieren
Doch unser Umgang mit mentaler Gesundheit ist häufig noch sehr schwarz-weiß: Entweder man funktioniert. Oder man ist „wirklich krank“.
Dabei beginnt Überforderung oft viel früher.
Mit dem Verlust von Freude.
Mit ständiger Müdigkeit.
Mit dem Gefühl, nur noch zu reagieren statt das eigene Leben aktiv zu gestalten.
Und genau deshalb glaube ich, dass Prävention im Bereich mentaler Gesundheit so wichtig ist. Nicht erst hinzuschauen, wenn gar nichts mehr geht. Sondern bereits dann, wenn das eigene innere Gefühl leise beginnt zu sagen: „So wie gerade kann es eigentlich nicht weitergehen.“
Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Gedanken wieder. Vielleicht gibt es dieses diffuse Gefühl, dass etwas nicht stimmt, obwohl nach außen noch alles funktioniert.
Genau für diesen Raum zwischen Funktionieren und Zusammenbruch habe ich SeelenWeben gegründet. Denn Menschen sollten nicht erst zusammenbrechen müssen, bevor sie Unterstützung verdienen.
Du erkennst dich wieder?
Wenn du das Gefühl hast, dauerhaft zu funktionieren und dabei den Kontakt zu dir selbst zu verlieren, kann psychologische Beratung dabei helfen, die eigenen Belastungsmuster besser zu verstehen und neue Handlungsspielräume zu entwickeln.
Mehr über meine Einzelberatung:
https://seelenweben.de/einzel/
